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Presse: PCD - Klinik, Diagnostik und Differentialdiagnostik (aus: HNO aktuell 2002)

Primäre ziliäre Dyskinesie - Klinik, Diagnostik und Differentialdiagnostik

v. P. Ahrens und H. Körbler

Manes Kartagener beschrieb erstmals 1933 ein Krankheitsbild, das durch die Symptomentrias Situs inversus, Bronchiektasie und chronische Sinusitis gekennzeichnet ist.

Hinter dem als "Kartagener-Syndrom" und gelegentlich auch als "Immotile-Zilien-Syndrom" bezeichneten Krankheitsbild verbirgt sich die "primäre ziliäre Dyskinesie", eine autosomal rezessiv vererbte Erkrankung, deren pathogenetische Grundlage ein Fehlen der Dyneinstrukturen in den Zilien ist. Es resultiert eine ineffektive Beweglichkeit, eine Bewegungsstörung oder eine völlige Unbeweglichkeit der Zilien des respiratorischen Systems.

klinisches profil
Abbildung 1:
Symptome bei primärer ziliärer Dyskinesie.
Zu beachten ist die Altersabhängigkeit: Bis zur Ausbildung von Bronchiektasen dauert es (unbehandelt) etwa 4 Jahre.
Trommelschlegelfinger müssen als Folge einer chronischen Hypoxie angesehen werden und treten daher erst sehr spät auf.
(aus: Turner, P.: Pediatrics 67: 6 (1981))
zylindrische Zellen
Abbildung 2:
Zwei typische zylindrische Flimmerepithelzellen einer nasalen Bürstenbiopsie im Phasenkontrastmikroskop.
Die Pfeile weisen auf den Zilienbesatz der Zellen. An der Zellbasis sind die großen, runden Zellkerne zu erkennen.

 

Betroffen von dieser Störung sind alle ultrastrukturell identisch aufgebauten Organellen wie z.B. die Spermatozoen, die Zilien im Bereich der Eileiter und der Tuba Eustachii und dem Ependym sowie zilienanaloge Organellen in der Netzhaut. Die ursprüngliche Benennung als Kartagener-Syndrom mit der Implikation des Situs inversus sorgt alleine aus semantischen Gründen auch heute noch für die häufige Verkennung des Krankheitsbildes bei den 50% Patienten, die eine primäre ziliäre Dyskinesie ohne Situs inversus haben. Nur die Hälfte aller Patienten mit primärer ziliärer Dyskinesie haben einen Situs inversus und damit - bei allerdings völlig identischem Krankheitsbild - ein "Kartagener-Syndrom" (Abbildung 1).

Häufiger als angenommen: 1 Fall auf 15.000 bis 5.000 Geburten

Die Diagnose einer primären ziliären Dyskinesie wird häufig verfehlt! Für England sind zum Beispiel von geschätzt vorhandenen 3000 Patienten nur 150 diagnostiziert und bekannt. Für Deutschland liegen keine Zahlen vor. Es darf jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem ähnlichen Mißverhältnis ausgegangen werden. Das relativ gering beachtete Krankheitsbild der pimären ziliären Dyskinesie tritt in einer Häufigkeit von etwa 1:15.000 bis 1:5.000 Geburten auf. Bei konsanguinen Familien muss von einer deutlich höheren Inzidenz ausgegangen werden. Wegen der landesüblichen Cousin/Cousinen-Ehen sind hier besonders marokkanische und türkische Familien betroffen.

Eine frühzeitige Diagnosestellung ist von entscheidender Bedeutung für die Prognose. Die Symptome rezidivierende Bronchitis, rezidivierende Pneumonien, Bronchiektasie, chronische Sinusitis und rezidivierende Otitis sind sämtlich Folgen einer gestörten Clearancefunktion und damit bei früher Diagnose und adäquater Therapie häufig vermeidbar. Es ist daher anzustreben, Kinder bei hinweisender Symptomatik - dies sind alle Kinder mit Situs inversus, Kinder mit rezidivierenden Otitiden und Pneumonien und Kinder mit gehäuft auftretenden Sinusitiden - einer Screeninguntersuchung zuzuführen. Beurteilt wird hierbei die Zilienfunktion des respiratorischen Epithels aus einer einfach durchzuführenden nasalen Bürstenbiopsie (Abbildung 2).


Typische Symptome der primären ziliären Dyskinesie sind chronischer Husten, rezidivierende Pneumonien, Otitiden und Sinusitiden.


Abbildung 3a:
Bronchoskopisches Bild der chronischen Bronchitis mit hypertrophen Schleimdrüsen und Schleimhautödem (Frühbefund)

Abbildung 3b:
Entzündlich verändertes Bronchialsystem mit Ödem, Rötung und zähem Sekret (Frühbefund: chronische Bronchitis)

Typische Symptome: Sinusitis, Otitis, Husten

Typische Symptome der primären ziliären Dyskinesie sind eine chronische Bronchitis (Abbildung 3a/b) mit dem Leitsymptom des chronischen Hustens, rezidivierend bronchopulmonale Infekte und rezidivierende Pneumonien mit der Folge einer Bronchiektasie (Abbildung 4) und eine chronische Sinusitis. Klinisch eindrucksvoll ist ein konstant vorhandener und schon im frühen Säuglingsalter beginnender Husten. Lungenfunktionsuntersuchungen sind artdiagnostisch wenig informativ und liefern zumindest in einem frühen Stadium der Erkrankung in der Regel normale Werte. Als Folge der chronischen Entzündung der Nasennebenhöhlen entwickelt sich bei zirka 20% der Patienten eine ausgeprägte Polyposis (Abbildung 5).


Abbildung 4:
Computertomographie der Lunge eines 12jährigen Patienten: generalisierte ausgeprägte Bronchiektasie

Abbildung 5:
MRT: Ausmauerung der Nasennebenhöhlen mit polypösem Gewebe

Bei inadäquater Behandlung finden sich ähnlich wie bei Mukoviszidose dann später auch Trommelschlegelfinger (Abbildung 6). Männer sind wegen der völligen Unbeweglichkeit der Spermatozoen in der Regel infertil. Der Eitransport bei der Frau erfolgt überwiegend durch die Tubenperistaltik - nicht durch die Kraft der Zilien. Die Fertilität betroffener Frauen ist damit nahezu normal, es werden jedoch vermehrt Extrauteringraviditäten berichtet, da die Aufnahme des Eies nach dem Follikelsprung von einer intakten Zilienfunktion abhängig ist.


Abbildung 6:
Trommelschlegelfinger und Uhrglasnägel bei einem 14jährigen Patienten

Abbildung 7:
Schemazeichnung der ziliären Architektur: 2 zentrale Mikrotubuli sind von 9 Dubletts mikrotubulärer Strukturen umgeben. Jedes Dublett trägt 2 Dyneinarme. Radiärspeichen wirken strukturstabilisierend

Fehlen von Proteinen führt zur Bewegungsstörung der Zilien

Die Zilie hat sich während der gesamten Evolution in ihrer grundsätzlichen Architektur als konstant erwiesen: Ein zentrales Dublett von Mikrotubuli ist von 9 Paaren peripherer Mikrotubuli umgeben. Jedes dieser 9 Paare trägt 2 mikrotubulär assoziierte Proteinstrukturen (MAPs), die inneren und äusseren Dyneinarme. Diese Proteine sind Bindungskomponenten für ATP und damit Träger der Energiereserven der Zilie. Ein Fehlen der MAPs führt zu einer Bewegungsstörung bzw. einer Immotilität der Zilie und zu dem Krankheitsbild der primären ziliären Dyskinesie. Weitere die ziliäre Struktur stabilisierende Elemente sind die Nexin-Verbindungen zwischen den 9 peripheren Dubletts und die Radiärspeichen, die die einzelnen Dubletten mit den zentralen Mikrotubuli verbinden (Abbildung 7). Auch hier können Störungen auftreten, die alle klinisch in ein identisches Kranheitsbild münden. Die nach visueller Beurteilung der Zilienfunktion gestellte Verdachtsdiagnose einer primären ziliären Dyskinesie kann durch elektronenoptische Untersuchung der ziliären Feinstruktur häufig bestätigt werden (Abbildung 8).

Ein Situs inversus tritt bei der Hälfte aller Patienten mit primärer ziliärer Dyskinesie auf. Das Krankheitsbild wird dann - aus historischen Gründen - als Kartagener-Syndrom bezeichnet.


 

Abbildung 8:
Elektronenmikroskopischer Querschnitt durch eine Zilie bei primärer ziliärer Dyskinesie. Zu erkennen ist das völlige Fehlen aller Dyneinarme sowie eine Auflösung der regelhaften 9+2-Struktur der intakten Zilie.


Abbildung 9:
Situs inversus in der Röntgenübersicht. Zu erkennen sind infiltrative Veränderungen im Bereich des links liegenden Mittellappens.

Situs inversus bei 50%

Die Lateralitätsstörung bei der primären ziliären Dyskinesie (Abbildung 9) wird durch den Einfluss der Zilienmotilität während der Embryonalentwicklung erklärt. Der gerichtete und effektive Zilienschlag steuert die Sinistrorotation des Embryos. Bei einem fehlenden oder ungerichteten bzw. unkoordiniertem Zilienschlag kommt es mit jeweils gleicher Wahrscheinlichkeit zu einer Sinistro- bzw. Dextrorotation der embryonalen Organe und damit bei 50% der Patienten zu einem Situs inversus und (zufällig) bei 50% zu einer normalen Körperlateralität.
Im Zusammenhang mit einer primären ziliären Dyskinesie werden gelegentlich Begleitfehlbildungen beobachtet. Beschrieben sind kongenitale Vitien, Ösophagusatresien, Gallengangsatresien und Nierenfehlbildungen. Bei zirka 40% der Betroffenen tritt als Folge des chronischen Hustens ein gastroösophagealer Reflux auf, der pulmonale Bedeutung bekommen kann, wenn es zu einer chronischen Aspiration kommt. Die Erkrankung tritt auch bei Tieren auf und ist z.B. bei Schweinen und Hunden bekannt. Schweine entwickeln im Gegensatz zum Menschen als zusätzliche Symptomatik häufig einen Hydrozephalus. Man kann daraus schließen, dass die Auskleidung des Ependyms mit Flimmerepithel beim Schwein eine wesentliche funktionelle Bedeutung für die Liquorableitung hat.


Diagnose mit Hilfe bronchialer Biopsie möglich

Bei hinweisenden Symptomen sollte die Diagnostik mit der Durchführung einer nasalen Bürstenbiopsie und der Phasenkontrastmikroskopie des Vitalpräparates beginnen. Dieses einfache Verfahren erlaubt durch die unmittelbare Beobachtung eine zuverlässige Aussage über die regelrechte Funktion des ziliären Systems. Da häufig sekundäre Störungen des ziliären Systems auftreten, z.B. schon bei viralen Infekten, kann bei pathologischem Schlagverhalten - auch bei völliger Immotilität der Zilien - nicht auf eine primäre Störung geschlossen werden. Die Untersuchung sollte, eventuell nach Vorbehandlung mit einem topischen Steroid, nach 3-6 Wochen wiederholt werden. In der Regel sind elektronenoptische Untersuchungen an bürstenbioptisch gewonnenem Zellmaterial nicht informativ. Liegt eine pulmonale Symptomatik vor, so muss schon aus differentialdiagnostischen Gründen eine Bronchoskopie durchgeführt werden. Es sollte dann über bronchiale Biopsien, deren direkter visueller Beurteilung im Phasenkontrastmikroskop und einer Elektronenmikroskopie der bronchialen Biopsien eine diagnostische Klärung herbeigeführt werden.
Als wenig informativ haben sich Messungen der nasalen Clearancefunktion über den sog. Saccharintest herausgestellt. Auch direkte Messungen der bronchialen mukoziliären Clerarance mittels technetiummarkierter Aerosole lassen zwischen primären (genetischen) und sekundären Störungen (z.B. chronische Bronchitis anderer Ursache) nicht diskriminieren. (Abbildung 11).


Abbildung 11:
Technetium-Szintigraphie zur Messung der bronchopulmonalen Clearance.
Links: Kontrollmessung beim Gesunden.
Rechts: deutlich verzögerter Abtransport der mit Technetium markierten Partikel
 

Diagnoseverfahren der Zukunft: Zellkulturen und Genanalytik

Die Anlage von Zellkulturen und damit die Möglichkeit einer Ziliogenese ohne störende infektiologische Einflüsse erlaubt möglicherweise in Zukunft eine zuverlässigere Diagnose. Aktuell muss das Verfahren noch dem Forschungsbereich zugeordnet werden, da es nur wenigen Labors gelingt, eine Ziliogenese unter Kulturbedingungen zu induzieren.
Ähnlich einzuschätzen ist auch die genetische Diagnostik des Krankheitsbildes. Mehrere Arbeitsgruppen haben erkrankungsassoziierte Gene beschrieben. Eine zuverlässige definitive diagnostische Klärung ist aktuell jedoch über eine Genanalytik noch nicht oder nur in Ausnahmefällen möglich.
Das exhalierte NO ist bei Patienten mit primärer ziliärer Dyskinesie - im Gegensatz zu Patienten mit Asthma - signifikant erniedrigt. Der klinische Nutzen der Untersuchung muss jedoch noch evaluiert und definiert werden, da aktuell noch keine Daten über deren Sensitivität und Spezifität vorliegen. Die bisherigen Beobachtungen lassen jedoch eher einen nur geringen diagnostischen Nutzen vermuten.


Wegen diagnostischer Unsicherheiten ist eine nochmalige Diagnosesicherung etwa 2 Jahre nach Einleitung einer adäquaten Therapie anzustreben.


Abbildung 12a:
Gesundes Bronchialsystem

Abbildung 12b:
Atemweg eines Patienten mit primärer ziliärer Dyskinesie:
Es findet sich eine ausgeprägte Retention von eitrigem Sekret sowie eine massiv entzündlich veränderte Schleimhaut mit Ödem, Einblutungen und Hypervulnerabilität.

Differentialdiagnostik: Verwechslung mit Refluxerkrankung möglich

Da die Reaktion der Lunge auf Schädigungen relativ uniform abläuft, ergeben sich für die primäre ziliäre Dyskinesie eine Vielzahl von Differentialdiagnosen, die sorgfältig überprüft werden sollten. Zweifelsohne ist die primäre ziliäre Dyskinesie nicht nur eine der häufig versäumten Diagnosen, sondern umgekehrt nicht selten auch eine Fehldiagnose, von der insbesondere Patienten mit Situs inversus wegen des hohen Plausibilitätsniveaus betroffen sind. Statistisch hat jedoch nur jeder 6. Mensch mit Situs inversus eine primäre ziliäre Dyskinesie. Klinisch ähnlich verlaufen die Mukoviszidose, Immundefekte, Fehlbildungen der Atemwege, ösophago-tracheale Fisteln, chronische Fremdkörper und insbesondere auch die chronische Aspiration bei refluxassoziierten pulmonalen Erkrankungen. Insbesondere letzteres muss als diagnostische Herausforderung gesehen werden, da einerseits Patienten mit primärer ziliärer Dyskinesie häufig einen sekundären Reflux entwickeln - andererseits aber ein primär vorliegender Reflux mit konsekutiver chronischer Aspiration das Krankehitsbild der primären ziliären Dyskinesie täuschend ähnlich imitieren kann - einschließlich der ultrastrukturellen Veränderungen der Erkrankung. Aus diesem Spektrum ergibt sich in der Regel bei der Diagnosestellung eine Vielzahl von notwendigen Untersuchungen: Pilokarpin-Iontophorese, Bestimmung der Immunglobuline, Bronchoskopie mit Schleimhautbiopsie (Abbildung 12a/b), bronchoalveoläre Lavage mit Quantifizierung der fettbeladenen Makrophagen (Abbildung 13), 2-Punkt-pH-Metrie (Abbildung 14), Allergiediagnostik und eine Überprüfung der Impfreaktionen (funktionelle Testung des Immunsystems). Im Einzelfall muss dieses Spektrum individuell erweitert werden.


Abbildung 13:
Fettspeichernde Makrophagen (Sudanrotfärbung: Fett wird rot dargestellt) aus der bronchoalveolären Lavage) als Hinweis auf eine chronische Aspiration bei pathologischer gastroösophagealer Refluxaktivität

Abbildung 14:
Pathologische 2-Punkt-pH-Metrie (distaler Meßpunkt im unteren Ösophagusdrittel, proximaler Meßpunkt etwa auf Claviculahöhe). Durch Querstreifung gekennzeichnet sind mehrere lange und hohe Refluxe, die auf die Möglichkeit eines Nahrungseintrages in die Lunge hinweisen.

Therapie: Physiotherapie und topische Steroide im Mittelpunkt

Zur Therapie der Erkrankung liegen nahezu keine Studien vor, so dass alle therapeutischen Richtlinien als empirisch und basierend auf den Beobachtungen einzelner Zentren angesehen werden müssen.

Die wichtigste physiotherapeutische Maßnahme ist die "autogene Drainage" - ein spezielles, kontrolliert durchgeführtes Atemmanöver, das eine Sekretelimination ermöglicht.

Basis ist eine konsequente Physiotherapie möglichst mit autogener Drainage, die durch eine Dauermedikation von ACC unterstützt wird. Anekdotisch wurden Erfolge von einer Therapie mit DNase (Pulmozyme) berichtet.
Die Kinder sollten zu sportlichen Aktivitäten ermuntert werden. Die chronisch-entzündlichen Veränderungen der Atemwege und der Nasennebenhöhlen können durch die Gabe von topischen Steroiden gebessert werden, die daher bei nahezu allen unseren Patienten gegeben werden. Bei einer reversiblen obstruktiven Ventilationsstörung sollte diese Therapie mit einem bronchialerweiternden Medikament (Langzeit-ß-Sympathomimetikum) ergänzt werden.

Bewährt in diesem Zusammenhang haben sich Kombinationspräparate (z.B. Symbicort, oder Viani). Bei vielen Patienten erweist sich eine Antibiotika-Prophylaxe als hilfreich. Eingesetzt werden hier Breitspektrum-Penicilline und Cephalosporine - in Einzelfällen auch Gyrasehemmer. Bei chronischer Pseudomonasproblematik kann auch eine inhalative Antibiotikagabe mit Gentamycin erwogen werden. Über die Implantation einer Paukendrainage und eventuell auch eine Fensterungsoperation muss nachgedacht werden. Die Fensterposition sollte dabei allerdings dem passiven Sekretabfluss Rechnung tragen. Mit Paukendrainagen versorgte Kinder neigen zur Entwicklung eines sog. "Pseudomonas-Ohres" (Abbildung 15a/b) und müssen häufig lokal antibiotisch saniert werden. Bewährt in diesem Zusammenhang haben sich Gyrasehemmer (z.B. Ciloxan-Augentropfen am Ohr angewendet oder Floxal-Tropfen). Nach unserer Erfahrung ist es hilfreich, die antibiotische Therapie zumindest in der Anfangsphase durch Spülungen des Ohres mit Wasserstoffperoxid 1% zu ergänzen. Die Paukenröhrchen neigen wegen der chronischen Entzündung des Ohres zur spontanen Explantation, und es wurden auch Dislokationen in das Mittelohr hinein beobachtet. Patienten mit pulmonal relevanter Refluxaktivität werden von uns konsequent mit einer Hemifundoplikatio nach Thal versorgt.

Das Ohr ist häufig das "Problemorgan" der Erkrankung. Lokal antibiotische Maßnahmen haben sich hier einer systemischen Intervention als überlegen gezeigt.


Abbildung 15a:
Trommelfell, Normalbefund

Abbildung 15b:
Perforiertes Trommelfell bei chronischer Pseudomonas-Infektion des Mittelohres mit hervorquellenden Eitermassen und ausgeprägter Entzündung des Gehörganges.

Patienten mit primärer ziliärer Dyskinesie
Befunde bei 31 Patienten
Zum Zeitpunkt der Diagnosestellung waren die untersuchten Kinder im Mittel 8,4 alt (Range 1 Monat bis 18 Jahre). 17 der 31 Kinder (54%) hatten einen Situs inversus. Bei 63% der Kinder lagen völlig immotile Zilien vor, bei 37% wurden niedrigfrequente pathologische Schlagmuster beobachtet. Elektronenoptisch zeigte sich bei 85% der Patienten ein Dyneinmangel - entweder der äußeren oder der inneren Dyneinarme - oder aber ein Fehlen beider Dyneinstrukturen. 94% der Kinder zeigten bei der endoskopischen Inspektion des Tracheobronchialsystems Zeichen einer chronischen Bronchitis. Bei allen Kindern, die älter als 6 Jahre waren, wurde eine ausgeprägte purulente Sekretion gefunden. Die infektiologische Untersuchung der bronchoalveolären Lavage führte zum Nachweis von Hämophilus influenzae (54%), Streptococcus pneumoniae (38%), Moraxella catarrhalis (8%), Streptococcus viridans (8%) und Klebsiellen (4%) und selten auch Pseudomonas aeruginosa. Bei 20% der Kinder wurden Adenoviren nachgewiesen, in einem Fall Zytomegalieviren. (Bei erwachsenen Patienten spielt Pseudomonas nicht nur als Besiedlungskeim, sondern auch als Krankheitserreger einer größere Rolle, ebenso werden häufiger auch Probleme mit Staphylokokken beschrieben.)   Bei 7% unserer Patienten wurde eine Hypogammaglobulinämie beobachtet - die Regel ist jedoch eher ein zum Teil exorbitant erhöhter IgG-Wert. 36% der Kinder hatten Sensibilisierungen im Prick-Test, 6% hatten manifeste Allergien. Bei 69% der Patienten wurde HNO-ärztlich ein Seromucotympanon diagnostiziert, 75% der Patienten hatten eine Schalleitungsstörung mit einer Absenkung des Hörvermögens von im Mittel 35 dB.
In der über 24 Stunden registrierten 2-Punkt-pH-Metrie wurden bei 37% der Kinder pathologische Werte am distalen Meßpunkt erhalten. Der proximale Meßpunkt war bei 72% der Patienten pathologisch. In der bronchoalveolären Lavage wurden bei 36% der Patienten signifikante Erhöhungen der fettbeladenen Makrophagen als Hinweis für eine chronische Aspirationsproblematik gefunden.
Lungenfunktionsanalytisch bietet sich ein breites Spektrum an Pathologie, wobei altersabhängig unterschiedliche Schädigungsmuster reflektiert sind. Als wichtigste Meßgröße muss die nicht an der Ventilation teilnehmende Luft ("trapped air") angesehen werden, die bei zirka der Hälfte der Patienten 15% übersteigt und nicht selten Werte von bis zu 40% annimmt.

Lungen-Mittellappen: Resektion bei Herdfunktion

Operative Maßnahmen an der Lunge sind nur selten sinnvoll und angesichts des Systemcharakters der Erkrankung extrem restriktiv zu indizieren. Gelegentlich zeigt sich der Mittellappen jedoch deutlich akzentuierter beeinträchtigt als die restliche Lunge. Der Mittellappen bekommt so eine "Herdfunktion", so dass Patienten mit einer solchen Konstellation durchaus von einer Resektion profitieren können.
Trotz nasaler Gabe von topischen Steroiden kommt es immer wieder zur Entwicklung einer massiven Polyposis mit totaler Ausmauerung der Nasennebenhöhlen mit Gewebemassen und gelegentlich sogar zu einer durch den Wachstumsdruck der Schleimhaut verursachten deutlich sichtbaren Verbreiterung der Nasenwurzel. Exstirpierende Operationen sind hier notwendig. Akute Exazerbationen sind möglichst nach Antibiogramm gezielt zu therapieren. Eine kontinuierliche Überwachung der Sputumflora (4-6 mal jährlich) hat sich bewährt.
Bei deletären Krankheitsverläufen wurden Lungentransplantationen schon mehrfach mit Erfolg durchgeführt.


Normale Lebenserwartung bei früher Diagnose

Zur Zeit werden mindestens 90% der von primärer ziliärer Dyskinesie Betroffenen unter symptomorientierten Diagnosen (chronische Sinusitis, chronische Otitis, idiopathische Bronchiektasie etc.)behandelt. Aus dieser Situation resultieren therapeutische Fehlentscheidungen mit z.T. erheblichen Konsequenzen für die Betroffenen - so z.B. nicht sinnvolle operative Interventionen, eine unzureichende Dauertherapie und unterbleibende humangenetische Beratungen. Das Wiederholungsrisiko der Erkrankung ist bei autosomal-rezessivem Erbgang 25%.

Auch bei sicherer Diagnose einer primären ziliären Dyskinesie muss immer an weitere Begleitkrankheiten (chronische Aspiration, Allergien etc.) gedacht werden. Es sollten regelmäßig Kontrolluntersuchungen erfolgen.

Die Prognose des Krankheitsbildes ist relativ gut, wenn die Diagnose vor der Ausbildung irreversibler Schäden wie einer Bronchiektasie oder einer Ertaubung erfolgt. Insofern sind hier insbesondere Pädiater aber auch HNO-Ärzte und Pneumologen zu einer erhöhten Aufmerksamkeit aufgefordert.
Bei früher Diagnose darf von einer normalen Lebenserwartung bei allerdings eingeschränkter Lebensqualität ausgegangen werden. Die regelmäßige Mitbetreuung der Patienten durch spezialisierte Zentren ist sinnvoll und läßt einen positiven prognostischen Effekt erwarten. Bei fehlenden Therapierationalen muss in der an vielen Patienten gewonnen Erfahrung des in einem Zentrum tätigen Arztes eine relevante prognosedeterminierende Komponente gesehen werden.


Literatur:

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